Am 24. November 2025 fand im Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung Müncheberg die Abschlussveranstaltung des Forschungsprojekts Innovative Arrangements für die Vorsorge im Care- und Pflegebereich in strukturschwachen Regionen (inCAREgio) statt. Sie markierte das Ende eines dreijährigen transdisziplinären Forschungsprojekts und war zugleich Bestandteil des weiter andauernden Transferprozesses. Es wurde deutlich, dass die im Projekt entstandenen Ideen, Netzwerke und Impulse weit über das Projektende hinaus wirken. Die Veranstaltung lebte vom intensiven fachlichen Austausch, der gemeinsamen Reflexion der Forschungsergebnisse und ihrer Bedeutung mit Blick auf die Herausforderungen im Pflege- und Gesundheitssektor und nicht zuletzt dem spürbaren Engagement der beteiligten Akteure. Das Gros der Teilnehmenden rekrutierte sich aus langjährigen Wegbegleiter:innen des Projekts, die gemeinsam mit dem Forschungsverbund nachgedacht und an einzelnen Produkten gemeinsam gearbeitet haben.
Ergebnisse
Im Mittelpunkt der ersten Veranstaltungshälfte standen die leitenden Fragestellungen und Grundannahmen von inCAREgio. Pflege und Sorge wurden dabei von Beginn an nicht isoliert betrachtet, sondern als komplexes in ein bestimmtes regionales Gefüge eingebettetes Handlungsfeld, in dem professionelle, ehrenamtliche und familiäre Arrangements ineinandergreifen. Empirische Erhebungen, Forschungs- und Transferwerkstätten sowie weitere Austauschformate bildeten den methodischen Kern des Projekts.
Von Dilan Karatas, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt, wurden zentrale Ergebnisse der empirischen Erhebung vertieft: Anhand ausgewählter Vignetten wurde deutlich, dass Sorge-Arrangements in Ostbrandenburg in hohem Maße durch Eigeninitiative getragen werden und dass insbesondere Frauen eine zentrale Rolle dabei spielen, diese Arrangements zusammenzuhalten. Gleichzeitig zeigte sich, dass viele gemeinnützige Vereine und Initiativen aus eigener Betroffenheit heraus entstanden sind und von einer besonderen Betroffenheitskompetenz leben. Diese Kompetenz ist eine große Stärke, stößt jedoch häufig an strukturelle Grenzen, da langfristige Absicherung, institutionelle Unterstützung und verlässliche Förderlogiken oft fehlen. Immer wieder wird, so beschrieb es Dilan Karatas, zudem ein Gefühl von Stagnation beschrieben, das sich aus der Wahrnehmung administrativer und politischer Hürden speist, aus dem Verschwinden zeitlich befristeter Leuchtturmprojekte, aus bürokratischen Anforderungen und aus mangelnder Transparenz von Zuständigkeiten und Informationen.

Transfer in die Politik
Auf die Diskussion der Forschungsergebnisse folgte die Vorstellung des „Wegweisers für gute Pflege- und Sorgebedingungen in Ostbrandenburg“, der im Rahmen des Projekts erarbeitet wurde und fünf zentrale Thesen ausarbeitet: (1) die Anerkennung von Pflege- und Sorgearbeit, (2) die Entwicklung integrierter Pflege- und Sorgelandschaften, (3) die strategische Koordination von Angeboten, (4) die Verankerung von Vielfalt in der Zusammenarbeit sowie (5) die Stärkung eines handlungsfähigen und verlässlichen lokalen Staates im Sorge- und Pflegesektor.

Der Wegweiser ist dabei nicht als abschließender Maßnahmenkatalog, sondern als gemeinsamer Referenzrahmen für weiteres Handeln angelegt . In einem Gallery Walk, einem offenen Austauschformat entlang von Postern zu den einzelnen Thesen, konnten die Teilnehmenden die Inhalte kommentieren und weiterdenken. Besonders deutlich wurde dabei der Wunsch vieler Beteiligter, gemeinsam weiter an dem Thema zu arbeiten, den Wegweiser als Ausgangspunkt einer weiteren Konkretisierung und Operationalisierung der formulierten Handlungsvorschläge zu nutzen, die entstandenen Netzwerke nicht abreißen zu lassen sowie Verantwortlichkeiten zu benennen und dadurch auch das Verantwortungsbewusstsein (stewardship) politischer Akteure für das Handlungsfeld Pflege und Sorge weiter zu stärken.

Transfer in pflegende Teams
Im dritten Teil der Veranstaltung berichtete das Team der IB Hochschule für Gesundheit und Soziales über die Entwicklung des Weiterbildungsprogramms „Vielfalt (in) der Zusammenarbeit“, das über die Projektlaufzeit hinweg konzipiert wurde. Die entwickelten Pilotmodule sprechen insbesondere das Recruiting und Onboarding im Gesundheitswesen an, informieren zu Diversität und Rassismuskritik sowie zur diskriminierungsfreien Teamentwicklung. Ergänzt wurden diese Einblicke durch praxisnahe Kommentare von Stephen Ruebsam von der Arche Neuenhagen (Internationaler Bund) und Christina Pavin, Integrationsbeauftragte am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb), die den Entwicklungsprozess des Weiterbildungsmoduls als Wegbegleiter:innen reflektierten. Das Modul soll künftig für Interessierte, z. B. Integrationsbeauftragte, Praxisanleitende, Leitungen im Pflegebereich, angeboten werden; weitere Informationen werden auf dieser Website folgen.
Reflexion und Ausblick
Den Abschluss bildete ein Townhall-Format, das den Blick nach vorn richtete. Annegret Huth von der Praxisforschungsstelle Heinersdorf und Peter Heyse, Netzwerkkoordinator Pflege und Geriatrie-Netzwerk Frankfurt (Oder), reflektierten hier, moderiert von Bastian Lange und Henning Nuissl und unter Beteiligung aller Anwesenden, die Reichweite, aber auch die Grenzen der erzielten Projektergebnisse und wiesen auf künftige Arbeitsfelder hin.
Auch wenn die Veranstaltung die letzte Aktivität im Projektzeitraum von inCAREgio war, wurde sehr deutlich, dass das Engagement für gute Pflege- und Sorgebedingungen weitergeht (und auch weitergehen muss) – in Ostbrandenburg und darüber hinaus. Einerseits werden noch weitere wissenschaftliche Auswertungen aus dem Verbund heraus erfolgen. Andererseits werden die Teilnehmenden einander als Netzwerk verbunden bleiben, einige neue Bündnisse wurden geschmiedet und der Wegweiser kann als gemeinsame Grundlage für zukünftige Zusammenarbeit genutzt werden. Interessierte können sich gern über den angegebenen Kontakt melden, um in die aufgesetzten Kommunikationskanäle zur weiteren Vernetzung aufgenommen zu werden. inCAREgio gibt die erzielten wissenschaftlichen Befunde und den in den vergangenen drei Jahren aufgebauten Fundus an informellen Beziehungen, Netzwerkstrukturen sowie explizitem und implizitem Wissen, wie von Anfang an geplant, zurück ins ‚Feld‘ und an die Praxisakteure, die an deren Entstehung und Erarbeitung von Beginn an beteiligt waren.
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